Vorträge und Theorieworkshop, Oktober/November 2003.
Gemeinsam mit dem Fachschaftsrat des Historischen Seminars der Universität Leipzig führten wir im Oktober 2003 eine gemeinsame Veranstaltungsreihe durch, um den interdisziplinären Austausch unter den Studierenden zu fördern und eine Auseinandersetzung mit theoretischen Grundproblemen der Geisteswissenschaften anzuregen. Unser Bestreben war es, Studierenden eine Möglichkeit zu schaffen, sich über das bestehende Lehrangebot hinaus mit aktuellen Theoriedebatten auseinander zu setzen. Zudem ist damit der Wunsch verbunden, fachübergreifende und transparente Netzwerke und Diskussionszusammenhänge zu initiieren.
Das Thema „Fakt und Fiktion“ ist besonders für eine Veranstaltungsreihe dieser Art geeignet, da es sich dabei um einen Problembereich vieler akademischer Disziplinen handelt. So wurde n den letzten Jahrzehnten vor allem in der englischsprachigen Forschungsdiskussion die Tatsache in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt, dass wissenschaftliche Texte gestaltete Texte sind. Trotz des Anspruches wissenschaftlicher Autoren, sich ausschließlich auf Fakten zu beziehen, entwickelt sich zunehmend eine Sensibilität dafür, dass beim wissenschaftlichen Schreiben die Darstellungsform die Inhalte mitbestimmt. Die Art der Darstellung beeinflusst maßgeblich die Vorstellung von Realität, die ein Text erzeugt. Manche Theoretiker gehen deshalb sogar soweit wissenschaftliche Texte als reine Fiktionen zu bezeichnen. Die Arbeiten Hayden Whites zur Historiographie setzten eine anhaltende Debatte darüber in Gang, ob historisches Erzählen den gleichen Bedingungen unterliegt wie literarisches Erzählen und deshalb mit vergleichbaren Methoden zu betrachten ist. In anderen Wissenschaftsbereichen sind ähnliche Fragen aufgeworfen worden. So richten beispielsweise James Clifford und Clifford Geertz ihre Aufmerksamkeit auf die Verwandtschaft von ethnographischem und literarischem Schreiben. Solche Untersuchungen führen zu einer ganzen Reihe von Fragen:
Welche Auswirkungen hat die Anerkennung der Fiktionalität wissenschaftlicher Texte auf das Wissenschaftsverständnis? In welcher Weise beeinflussen diese Diskussionen die Praxis wissenschaftlichen Schreibens? Wie können diese methodisch-theoretischen Debatten für eine Reflexion des eigenen wissenschaftlichen Arbeitens produktiv genutzt werden? u.ä.
Wir vollzogen durch die Lektüre von Theorietexten der genannten und anderer Autoren deren Argumentationen nach und nahmen diese kritisch unter die Lupe. Wir wollten aber auch die Forschungspraxis in den Blick nehmen, indem wir studentische Arbeiten vorstellten, die das Problem der Fiktionalität wissenschaftlicher Texte berührten.