Ausstellung in der Galerie der Hochschule für Grafik und Buchkunst sowie Konferenz und Publikation, 2005.
Die Präsentation des Gemeinschaftsprojektes fand in Gestalt einer kollektiven Ausstellung von Werken zeitgenössischer Kunst sowie einer gleichzeitigen Konferenz im April 2005 statt. Das Projekt entstand aus einer Initiative des Leipziger Kreises – Forum für Wissenschaft und Kunst sowie interessierten Künstlerinnen und Künstlern, die entweder in Leipzig studierten oder hier ihren momentanen Arbeitsort gefunden haben. Bei der Präsentation standen den von Künstlern selbst gestalteten Führungen durch die Ausstellung Vorträge der teilnehmenden WissenschaftlerInnen sowie verschiedener Gastreferenten und –referentinnen aus den Bereichen der Kunst und Gesellschaft zur Seite. In der abschließenden Podiumsdiskussion wurden durch eine heterogene und transdisziplinäre Zusammensetzung des Podiums (VertreterInnen aus Kunst und Wissenschaft) und die aktive Teilnahme des Publikums Diskussionen über Kultur, Gesellschaft, Demokratie und Partizipation angeregt. Des Weiteren wurden die künstlerischen und wissenschaftlichen Werke in einem Katalog zusammengestellt, der sowohl formal als auch inhaltlich die Zusammenarbeit von KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen verkörpert.
Der künstlerische Projektteil bestand aus Werken von fünf KünstlerInnen, die gegenwärtige Feind-Vorstellungen untersuchten, wobei sie sich dem Aspekt des „Bildes“ im Kopf beim Thema „Feindbild“ nähern. Zwei fotografische Werke beschäftigten sich zum einen mit der Typisierung von Feindbildern auf Demonstrationen, u. a. in Leipzig (der „Steinewerfer“ und der „Bulle“), zum anderen mit der Generierung von Feindbildern in Werbung und Produktkommunikation, z. B. durch die Stimulierung von Kaufinteressen durch die Stilisierung von Feindbildern. Zudem arbeiteten zwei Projekte mit malerischen Mitteln. Setzte sich das erste von ihnen in der spezifischen Eigenart der Malerei mit dem Topos der Mauer als trennendes, starres wie gleichermaßen ebenso Dynamik produzierendes Element des Feindbilderaufbaus auseinander, so beschäftigte sich das zweite mit dem Feindbild des Managers als Kunst-be-nutzer und Kunstkäufer und zielte somit auf das Spannungsfeld zwischen Mäzenatentum und Kunstverstand. In der Form einer künstlerischen Intervention thematisierte ein Projekt Videoüberwachung und Datenerfassung vorzugehen, wobei Stereotypisierungen und Feindbild-Vorstellungen das Gerüst lieferten, mit dem gegen Überwachung des öffentlichen Raumes argumentiert wurde.
Die künstlerischen Projekte waren einerseits Ausdruck für die bestimmende Rolle des Umfelds, in dem wir leben und das uns prägt, und andererseits Ergebnis individuellen Schaffens, durch das wir befähigt sind, Gesellschaft mitzugestalten. Bei der Entstehung, Tradierung und Konservierung von Feindbildern wirkten nicht nur mediale, ökonomische und politische Elemente (die Öffentlichkeit), sondern auch Interaktion und Kommunikation mit der Familie und Freunden (das Individuum).
Der wissenschaftliche Projektteil präsentierte Forschungsergebnisse von fünf Einzelstudien zu Feindbildern in der Nachkriegszeit. Drei Einzelstudien beschäftigten sich dabei mit der Innenperspektive Deutschlands zu Feindbildern in Parteien (Parteiprotokolle), Leipziger und Frankfurter Medien (Zeitung) und im Leipziger Alltag (private Tagebücher und Briefe). Diese Innenperspektive wurde kontrastiert von zwei weiteren Einzelstudien zu Bulgarien (Prosa) und zu Polen (Volkslieder) als Länder der Außenperspektive. Die Kombination von „innen“ und „außen“ sowie von verschiedenen Gegenständen und Feldern ermöglichte, dass sich die unterschiedlichen wissenschaftlichen Ansätze zu einem facettenreichen Bild zusammenfügten. Das Feindbild der „Nazis und Faschisten“ wurde in allen Studien deutlich, die Formen der Auseinandersetzung mit dem Feindbild durch Individuen und Gruppen unterscheiden sich jedoch deutlich von Studie zu Studie und stellten gerade durch die Zusammenführung ein Mehr an Erkenntnis über „Feindbilder“ dar.
Mit der gemeinsamen Präsentation der künstlerischen und wissenschaftlichen Arbeiten wurden dem Ausstellungsbesucher und Konferenzgast verschiedene Zugänge zum Thema „Feindbilder“ eröffnet. Der Leipziger Bezug in Hinblick auf Alltag und Medien stellte neben der Aufarbeitung Leipziger Nachkriegsgeschichte auch eine Analyse soziokulturell verankerter Feindbilder dar.
Die künstlerischen Werke und wissenschaftlichen Studien zeigten die verschiedenen Wege und Umwege über die Feindbilder generiert und transportiert werden. Die wissenschaftlichen Studien zielten in ihren Untersuchungen auf die Vergangenheit (unmittelbare Nachkriegszeit), die künstlerischen Werke fokussierten gegenwärtige Aspekte von Feindbildern. Die unterschiedlichen Zeitebenen sollten eine Empfindsamkeit für zeitliche Verläufe, für Kontinuitäten und Wandel befördern. Eine gemeinsame Präsentation der Werke und Studien – ein Zusammengehen von Kunst und Wissenschaft – in einer Ausstellung und Konferenz ermöglichte es zudem, sowohl das Bewusstsein der Menschen für den Aufbau, die Charakteristika und die Entwicklung eines Feindbildes zu schärfen als auch einen Beitrag zur Sensibilisierung gegenüber latenten und offensichtlichen Feindbildern zu liefern.