„Die Kunst, Bilder zum Sprechen zu bringen“. Kunst-, Geistes- und Sozialwissenschaften im Dialog

Forschungskolloquium November 2006, Universität Leipzig

Die Zeitgeschichtsforschung begegnet visuellen Repräsentationen der Vergangenheit weiterhin mit Unbehagen, auch wenn, wie in der Geschichtswissenschaft allgemein, seit den 1980er Jahren eine Öffnung eingesetzt hat. Für diese Reserviertheit lassen sich, neben der traditionellen Orientierung auf sprachliche Überlieferungen, drei miteinander verbundene Gründe ausmachen, die auf Schwierigkeiten bei der empirischen Analyse dieser Quellengattung beruhen: Erstens fehlt es innerhalb des Faches an systematischem Wissen über die Erkenntnisdimensionen visueller Repräsentationen und an methodischen Instrumentarien, die über gegenständliche Bildinhalte hinaus auch nicht-sprachliche Sinnstrukturen sowie ästhetische Wirkungsmechanismen erfassbar machen. Zweitens besteht eine Unsicherheit gegenüber dem Übersetzungsprozess mit seinen semantischen Verschiebungen, der von einer Bildanalyse zu einer narrativ-deutenden und -darstellenden Historiographie führt. Drittens rührt die Eigenart von Bildern – vor allem die Pluralität der Sinnangebote und die Rolle des Rezipienten – am disziplinären Selbstverständnis, da Bewertungskriterien wie kausale Erklärungsmuster, Eindeutigkeit und Nachvollziehbarkeit für Dritte ins Wanken geraten. Diesen Problemen lässt sich wirkungsvoll dadurch begegnen, dass die theoretischen und emphatischen Plädoyers für die Aussagekraft von Bildquellen konkretisiert werden. Das bedeutet, die Schwierigkeiten und Grenzen dieser Quellengattung offen zu benennen, Prozesse ihrer Analyse transparent zu machen und davon ausgehend ihre Potentiale präzise zu bestimmen. Darauf zielte das geplante Kolloquium, das sich an Nachwuchswissenschaftler sowie Doktoranden aus den Kunst- sowie den historischen Sozial- und Kulturwissenschaften gerichtet hat. Empirische Forschungsarbeiten zur Geschichte des 20. Jahrhunderts, die jeweils Bildquellen in die Untersuchung einschließen, wurden auf ihre Auswertungsverfahren befragt und gemeinsam diskutiert, sowie als Beispiele für die Erkenntniskraft von Bildquellen für historische Analysen einem größeren Publikum zugänglich gemacht. Das Themenfeld der Zeitgeschichte bot sich dafür an, da die Zurückhaltung gegenüber der Analyse von visuellen Repräsentationen hier mit einem besonders hohen Bedarf an solchen Analysen einhergeht. Denn mit der massenhaften Verbreitung von Bildern seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und dem Entstehen neuer Medien (Postkarten, Pressefotografie, Film und Fernsehen, Internet) kann eine fundierte Historisierung dieser Epoche auf den Erklärungswert der visuellen Repräsentation von Welt kaum mehr verzichten.