Ein Forschungsprojekt über Ausstellungen zur geteilten deutschen Geschichte im Urteil ihrer Besucher
In der öffentlichen Auseinandersetzung um die jüngste deutsche Geschichte – sei es in Diskussionsveranstaltungen, auf den Leserbriefseiten der Tageszeitungen oder andernorts – läßt sich beobachten, daß individuelle Erinnerungen oftmals nicht mit den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschungen übereinstimmen. Eine solche Nichtübereinstimmung stellt zwar weder für die wissenschaftliche Auseinandersetzung etwas grundsätzlich neues, noch für die öffentliche Diskussion etwas besonders besorgniserregendes dar; gleichwohl zieht sie für die Geschichtsforschung wie auch die Geschichtsdidaktik angesichts zahlreicher, in ihrer Intensität nicht nachlassenden, öffentlichen Diskussionen die Frage nach sich, in welcher Weise sie zur Klärung von offenen Streitfragen insbesondere zur deutschen Nachkriegsgeschichte beitragen können. Angesichts der Tatsache, daß sich eine Hauptkonfliktlinie dieser Auseinandersetzungen zwischen den Darstellungen der „großen“ Geschichte einerseits und den Alltagserinnerungen der „kleinen“ Menschen andererseits abzeichnet, schien es angebracht, aus einer diskursgeschichtlichen Perspektive das Feld genauer zu untersuchen, um die verschiedenen Wiedergabemuster, Darstellungs- und Erzählweisen von Geschichte zu rekonstruieren.
Das Forschungsprojekt des Leipziger Kreises analysierte auch einer dezidiert diskursgeschichtlichen Perspektive ostdeutsche und westdeutsche Deutungs- und Erzählmuster von Herrschaft und Alltag in der DDR. Neben einem solchen ost-west-deutschen Herangehen hob sich dieses Projekt auch dahingehend von der Forschungslandschaft ab, das eine bislang unbeachtete Quellengattung die Grundlage der Untersuchung bildete: Galten bisher Tagebücher, private Korrespondenzen und Zeitzeugeninterviews als Garanten für ‚Tiefenbohrungen’ in die Vergangenheit, wurden hier Gästebücher von historischen Ausstellungen zur Geschichte der DDR analysiert.
Für die Auswahl von Gästebüchern sprach zum einen, daß historische Ausstellungen und Museen als Foren für die Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte eine immer größere Bedeutung gewonnen haben, wie sich an Neubauten und Besucherzahlen zeigt, und daß von Ausstellungen (Haus der Geschichte in Bonn, Zeitgeschichtliches Forum Leipzig, Wehrmachtausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung u.a.) weitgreifende öffentliche Debatten angestoßen wurden. Zum anderen wurde mit den ausgewählten Gästebüchern eine Quellengattung unter einer neuen Perspektive untersucht, da das Interesse bisheriger Forschungen eher auf der Sozialstruktur der Besucher, auf museumsdidaktischen Aspekten oder aber auf ausgewählten Besuchern, zumeist bekannten Persönlichkeiten, lag. Insofern bot die Untersuchung neben Einblicken in die ost- und westdeutschen Deutungsmustern der Nachkriegsgeschichte die Chance, eine bislang randständige Quellengattung auf ihre Aussagefähigkeit zu prüfen und für weitere Forschungen nutzbar zu machen.
Für die Untersuchung wurden die Gästebücher von zwei Leipziger Ausstellungen zur Geschichte der DDR ausgewählt: Zum einen die Dauerausstellung des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig „Diktatur und Widerstand in der DDR“ [1], eröffnet im Oktober 1999. Zum anderen eine Ausstellung des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig „Es geht seinen Gang“, die vom September 1999 bis Februar 2000 gezeigt wurde, und die das Alltagsleben der 1970er und 1980 Jahre in den Blick nahm. [2] Die Ausstellungen stehen somit für zwei historische Betrachtungsweisen, die in ihrer Unterschiedlichkeit insofern eine breite Grundlage für die Analyse der Gästebücher darstellen, als verschiedene Besuchergruppen mit unterschiedlichen Interessen an der Geschichte der DDR eingeschlossen sind.[3]
Ziel der Analyse war es, die Gästebucheinträge auf eigene Deutungsmuster der Geschichte, auf Zustimmung oder Ablehnung zu den präsentierten Darstellungs- und Erzählformen oder Teilen von ihnen zu untersuchen, mithin die historiographischen Interpretationen der Ausstellungen als Spiegel der individuellen Deutungsweisen zu betrachten.
Anmerkungen:
[1] Haus der Geschichte – Zeitgeschichtliches Forum Leipzig (Hrsg.): Einsichten. Diktatur und Widerstand in der DDR. Bonn und Leipzig 1999 (Ausstellungsbegleitheft).
[2] Stadtgeschichtliches Museum Leipzig (Hrsg.): Es geht seinen Gang. Leipzig 1979-1989. Begleitheft zur Ausstellung. Leipzig, September 1999.
[3] Für das ZFL sind sechs Gästebücher für den Zeitraum Oktober 1999 (Eröffnung) bis Oktober 2002 vorhanden, während für die sechsmonatige Ausstellung des Stadtgeschichtlichen Museums zwei Gästebücher vorliegen.